Mo, 07.11.2011, 20h: MV zum Abschluss des Frauenjubeljahres 2011

Heidi Witzig und Mattea Meyer

Sind Gleichstellungsfragen überholt oder immer noch notwendig? Die SP10 hat dazu eine Diskussionsrunde mit Heidi Witzig und Mattea Meyer organisiert. Der Vorstand und unsere beiden Gäste freuen sich darauf, mit unseren Mitgliedern, jungen und älteren Frauen und Männern, angeregt zu diskutieren, Fragen zu stellen und vielleicht die eine oder andere Antwort zu finden.

Das Jahr 2011 begann in der Schweiz mit der Absicht, die Errungenschaften im Bereich der Frauenrechte gebührend zu feiern: 40 Jahre Frauenstimmrecht, 30 Jahre Gleichstellungsartikel, 20 Jahre Frauenstreik, 7 Jahre Mutterschaftsversicherung, vorübergehend eine Frauenmehrheit im Bundesrat, etc.

Die meisten Medien berichteten eher hämisch über die angeblich geringe Beteiligung der Frauen an den jeweiligen Feierlichkeiten, an denen zwar das Erreichte gelobt aber gleichzeitig auch betont wurde, wie viel Ungleichheit auch heute noch besteht (Lohnungleichheit, Beförderungsungleichheit, etc.). Ob die Häme der Journalisten (und Journalistinnen?) berechtigt war, sei dahingestellt, die Feier im Kaufleutensaal, die am 7. Februar an die Abstimmung zum Frauenstimmrecht erinnerte, war jedenfalls sehr gut besucht. Im Verlaufe dieses Jahres wurden diese Themen von der Weltpolitik überschattet (Fukushima, Eurokrise), so dass es „Wichtigeres“ zu reden und zu schreiben gab.

Nichtsdestotrotz wollen wir zum Abschluss des vielfachen Jubiläumsjahres eine MV zu diesem Thema gestalten: Wie steht es um die Gleichstellung? Wo mangelt es noch? Und was gibt es für Wege, diese Mängel zu beheben, speziell für uns politisch Aktive? Interessant ist auch zu erfahren, welche Vorstellungen junge Frauen im Vergleich zu Älteren haben. Aus diesem Grund haben wir die 24jährige SP-Kantonsrätin Mattea Meyer und die 67jährige Historikerin und Buchautorin Heidi Witzig (beide Winterthur) für unsere MV eingeladen. Mattea Meyer studiert Geschichte an der Universität Zürich und beteiligte sich im Vorfeld der SPS-DV vom vergangenen Sommer mit Gesinnungsgenossinnen an einem Vorstoss, die separate SP-Frauen-Kasse aufzuheben, mit der Begründung, Gleichstellungsfragen seien heutzutage auch Anliegen der Männer und sollten darum von der gesamten SP diskutiert (und entsprechend auch finanziert) werden. Heidi Witzig ist Historikerin und hat zahlreiche Bücher verfasst zur Frauengeschichte, wie z.B. „Frauengeschichte(n), Dokumente aus zwei Jahrhunderten zur Situation der Frauen in der Schweiz“, hg. mit Elisabeth Joris, 2001, „Brave Frauen, aufmüpfige Weiber“, mit Elisabeth Joris, 1995, „Polenta und Paradeplatz. Regionales Alltagsleben auf dem Weg zur modernen Schweiz 1880-1914“ 2001.

Mitten in die Planung dieser MV „platzte“ die Veröffentlichung der Dissertation der Schwyzer SP-Kantonsrätin Karin Schwiter. Sie hat in ihrer Untersuchung junge Erwachsene (24-26 J.) in der Schweiz nach ihren Lebensplänen befragt. Die Analyse der zahlreichen Interviews brachte interessante Resultate zutage, die sogar vom Tages Anzeiger unter dem Titel „Kinder als Krönung - Das Buch einer Schweizer Forscherin zeichnet auf, wie sich junge Erwachsene ihr Leben vorstellen. Gefragt sind klassische Werte – mit Ausnahmen“ kommentiert wurden. Karin Schwiter stellte fest, dass es eine starke Tendenz hin zur „Privatisierung der Geschlechterverhältnisse“ gibt. Diese Tendenz wird begünstigt durch die neuliberalen Strömungen, die viele Regierungen zurzeit dominieren. Unter „Privatisierung der Geschlechterverhältnisse“ wird verstanden, dass jeder Mensch in allen Lebenssituationen für sein eigenes Schicksal alleine verantwortlich ist: „Jede Kritik fällt somit auf die protestierende Person zurück: Sie hätte ja einen anderen Lebensweg wählen können. Wer also fehlende Kinderbetreuungseinrichtungen moniert, hätte sich einen anderen Wohnort aussuchen können. Wer sich als Kindergartenlehrerin über mangelnde Karriereperspektiven oder als Manager über lange Arbeitszeiten beklagt, hätte einen anderen Beruf ergreifen können. Wem die kurzen Betreuungszeiten in der Schule nicht gefallen, soll seine Kinder in eine Privatschule schicken. Wer sich darüber beschwert, dass der Partner oder die Partnerin nicht genügend zur Hausarbeit beiträgt, hätte sich ein anderes Gegenüber aussuchen können. […] Somit wird der Raum für Unzufriedenheit und Protest gegen oder auch nur Diskussionen über bestehende (Geschlechter-)Normen und (vergeschlechtlichte) Institutionen und damit die‚gesellschaftliche Handlungsfähigkeit’ eingeschränkt.“ (Schwiter, S. 243) Auch andere WissenschaftlerInnen haben festgestellt, dass die derzeitigen neoliberalen Tendenzen, die meistens die Einschränkung staatlicher Leistungen beinhalten, zu einer Verschärfung geschlechtlicher Ungleichheiten führen. Die von Karin Schwiter interviewten jungen Leute haben die „neoliberale Logik aus Wahlfreiheit und Selbstverantwortung in Bezug auf ihre Lebensentwürfe als Bestandteil ihres Selbstverständnisses internalisiert. Sie verstehen sich als autonome, vorausschauende PlanerInnen ihrer Zukunft, die ihre Lebenswege frei wählen und übernehmen dabei die volle Verantwortung für sämtliche Konsequenzen ihrer biographischen Entscheidungen. Sie tun dies auch, wo möglicherweise gar keine besseren Alternativen zur Verfügung standen und die Folgen einer Wahl nicht vorhersehbar waren. Ebenso fühlen sie sich selbst dafür verantwortlich, für sämtliche Konflikte, die sich aus fortbestehenden Abhängigkeiten und geschlechtsspezifischen Zuschreibungen ergeben, individuelle Lösungen zu finden. So gelten beispielsweise Probleme der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht als gesellschaftliche Herausforderungen, sondern als individuelles Unvermögen, im eigenen Leben die richtigen Prioritäten zu setzen.“ (Schwiter 238-239). Die Interviewanalyse von Karin Schwiter zeigt aber auch, dass die heutigen 25Jährigen ein mehrheitlich konservatives Weltbild haben, wenn es um Paarbeziehungen, Kindererziehung und Hausarbeit geht: Kinder sollten möglichst in der Familie betreut werden, Krippe und Horte kommen nur für Notfälle und Familien in Notlagen in Frage. Es zeigt sich auch, dass die jungen Leute betreffend Aufteilung der Hausarbeit selbst vor der Familiengründung mehrheitlich am traditionellen Bild festhalten: Die Mehrheit der Hausarbeit wird von den Frauen verrichtet.

Bleibt also die Frage für uns SP-PolitikerInnen, die mit viel Anstrengung gute Angebote von Krippen- und Hortplätzen, Tagesschulen, etc. gefordert haben und immer noch fordern, ob wir an der Zukunftsvorstellung der heutigen Jungen vorbeipolitisiert haben? Braucht es also doch eine andere Gleichstellungspolitik, wie die Jungsozialistinnen gefordert haben? Oder konnte sich die Politik der älteren Generation noch zu wenig durchsetzen, so dass die interviewten jungen Menschen andere Elternmodelle als Vorbild hätten haben können? Was haben wir also in Sachen Gleichstellung erreicht und was müsste als nächstes angegangen werden? Solche und weitere Fragen wollen wir am Montagabend, 7. November 2011, mit unseren Gästen diskutieren. Ich freue mich auf euer zahlreiches Erscheinen - Frauen und Männer! - und spannende Fragen.

Nächste Termine

27. Februar 2012 - 19:30
3. März 2012 - 18:00

Medienberichte

"Die Patienten profitieren"
Erika Ziltener begrüsst die neue Managed-Care-Vorlage zur Förderung der integrierten Versorgung. Sie teilt die massive Kritik ihrer Partei zwar teilweise, will aber auf ein Referendum verzichten. (Zürichsee Zeitung)

 

"Hirslanden hemmungslos"
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Petition Quartierzentrum Nordbrücke

Wir fordern im
Quartierzentrum Nordbrücke:
• Tempo 30
• Keine Verschmälerung der Trottoirs

 

» Petition am 17. Mai mit knapp 900 Unterschriften eingereicht!

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