Daniela Dahn, Zeitzeugin aus Berlin, las am 9. November 2009 in Zürich aus ihrem neuesten Buch "Wehe dem Sieger - ohne Osten kein Westen"

Unser SP10-Mitglied, Agnes Weber, steht seit vielen Jahren in Kontakt mit der Schriftstellerin Daniel Dahn aus Berlin und hat sie für eine Lesung am geschichtsträchtigen Datum nach Zürich eingeladen. Während zwei spannenden Stunden erläuterte sie im voll besetzten Sphères ennet der Limmat ihre Thesen zum Mauerfall, zur Wende und zu allem, was danach kam...

Der Abend  fing fast selbstverständlich mit der Frage an: „Was machten Sie am Abend des 9. November 1989, als die Grenze aufging?“ Daniela Dahn antwortete, dass sie so spät am Abend ihre 4jährige Tochter, die schon längst schlief, nicht einfach unter den Arm nehmen und zur Mauer rennen konnte, aber da sie überzeugt war, dass die Grenze auch am nächsten Tag noch offen sein würde, verschob sie dies auf den nächsten Morgen. Ebenso beeindruckend war für Daniela Dahn die grösste Demonstration, die am 4. Oktober 1989 auf dem Alexanderplatz stattfand und von KünstlerInnen organisiert worden war. Daniela Dahn’s politischer Standpunkt lässt sich so resümieren: „Ich wollte immer in einer Demokratie leben, aber nicht im Kapitalismus!“

Daniela Dahn erzählte vor allem von der Ernüchterung, die bald nach dem Mauerfall eintrat: Es war klar, dass der Realsozialismus an mangelnder Demokratie zugrunde ging, denn dieser Mangel behinderte die kreativen Ideen der Leute und die Modernisierung (wie z.B. Benutzung von Computern zum Schreiben und Verbreiten von Texten, etc.). Aber man hatte sich das Leben nach der Wende anders vorgestellt: Es sollte keine schlechte Kopie der BRD werden.

Daniela Dahn’s neuestes Buch trägt den provokativen Titel „Wehe dem Sieger – ohne Osten kein Westen“ (Rowohlt-Verlag, 2009). Wenn man sich in die Köpfe der Verantwortungsträger während des Kalten Krieges zurückversetzt, ging es ja darum zu beweisen, ob der Kapitalismus oder der Sozialismus/Kommunismus siegen würde. Der Mauerfall war für die meisten der Beweis, dass der Kapitalismus zum Sieger erkoren wurde. „Doch warum konnte der Sieger schliesslich mit seinem Sieg nichts anfangen?“, fragt Daniela Dahn. Der Mangel an Verknüpfung von Demokratie und Eigentum tritt heute offensichtlich zutage. Während des Kalten Krieges wollte jede Seite die andere überwinden ohne zu wissen, dass sie ohne einander nicht leben können. Alles Handeln hatte seinen Bezug im Andern. Dieser Antagonismus war eine Art Ordnungsstruktur. Ein CDU-Politiker hatte einmal gesagt: „Wir mussten beweisen, dass wir sozialer waren als der Sozialismus.“ Spätestens ab den 1990er Jahren nahmen nicht nur in Deutschland die Wirtschaftsführer den Politikern das Heft aus der Hand. Der Sozialismus war nur noch etwas für die Eliten. Globalisierung war das grosse Thema – in der DDR war das ein Synonym für Ausbeutung.

Daniela Dahn diagnostiziert, dass der Westen unter der Krankheit des „Siegerkomplex’“ leidet. In ihrem Buch beschreibt sie die Konsequenzen für die verschiedenen Lebensbereiche, unter anderem zum Beispiel der Buchkultur des Ostens: Diese wurde vom Westen fast völlig ignoriert und entsprechend die grosse Mehrheit der ostdeutschen Verlage geschlossen, ostdeutsche AutorInnen wurden heimatlos und finden im Westen keine neuen Verlage mehr. Solche Vorgehensweisen erinnern an eine Art Besatzung. Ein anderer Bereich ist der Umweltschutz: Zu DDR-Zeiten fand 75% des Güterverkehrs auf der Schiene statt. Nach der Wende wurden diese Einrichtungen stillgelegt und verschrottet, heute sind die Strassen mit Schwertransportern verstopft. Oder der Bildungsbereich: Finnland hat bei den Pisa-Studien sehr gut abgeschlossen. Darum machten sich deutsche BildungspolitikerInnen auf den Weg nach Helsinki, um das Rezept für ihre Erfolge in Erfahrung zu bringen. Dort bekamen sie aber zu hören, dass ihr System auf dem DDR-System beruhe, das sie dann für ihr Land weiterentwickelt hätten. Der auch im Westen bekannteste Bereich ist wohl die Emanzipation, die im Osten viel weiter fortgeschritten war. Die Unfreiheit des Kapitalismus hingegen verlangt, dass die Frau zwischen Arbeit und Kind entscheiden muss! Daniela Dahn plädiert also ganz klar dafür, dass der Hauptfehler des Westens war, dass er als Sieger nicht hingeguckt hat, was für Ideen der Besiegte hat und was man daraus übernehmen könnte.

Das Geschichtsbild ist heute noch sehr unterschiedlich in den beiden Gebieten Deutschlands. Bei einer kürzlichen Erhebung gaben im Westen auf die Frage „War die DDR überwiegend schlecht?“ 78% der Leute die Antwort „ja“, im Osten hingegen waren es nur 8%. Neu für DDR-BürgerInnen nach der Wende war auch, nun plötzlich in einem Land zu leben, das Angriffskriege führt (Kosovo).

Was können wir aus all dem lernen? Laut Daniela Dahn hat das gegenwärtige System keine Zukunft. Doch was für ein neues System wird kommen? Könnte es im schlimmstenfalls noch untauglicher sein? Das Ringen um ein neues System ist die wichtigste Herausforderung unserer Zeit!

Nach der Lesung beantwortete Daniel Dahn Fragen aus dem Publikum. Eine davon war, warum denn Parteien und Gruppierungen wie das „Bündnis 90“ und die „Bürgerbewegung“ bei den Wahlen auch im Osten so schlechte Resultate erzielten. Daniela Dahn vermutet, dass die so genannte „Zahlungsunfähigkeit der DDR“ als derart unmittelbar bevorstehend dargestellt wurde, dass die WählerInnen im Kapitalismus das Heil zu finden glaubten. So konnte der Neoliberalismus zuerst in den Köpfen siegen und es scheint heute keine Alternative dazu mehr möglich zu sein. Da die Arbeiterbewegung heute nicht mehr eine Arbeiterbildungsbewegung ist, dringen die Ideen des Neoliberalismus auf ein Vakuum ein.

Da in der ehemaligen DDR kaum ein „Eigentümerbewusstsein“ vorhanden war, gab es wenig Widerstand gegen die „Kolonialisierung“ aus dem Westen. Die geschenkte Meinungsfreiheit wird zwar gelobt, doch auch ernüchternd festgestellt, dass die Stimmen aus dem Osten nicht gehört werden.

Doch gibt es auch etwas, das Daniela Dahn seit der Wende vorbehaltlos positiv bewertet? Ja, solche Punkte gibt es! Sie erwähnt da als wichtigstes die Erneuerung der Bausubstanz und die Reisefreiheit, die es z.B. ihrer Tochter erlaubt, in Paris zu studieren.

Wer ist nun Sieger oder Verlierer, um auf den Titel von Daniela Dahn’s Buch zurückzukommen? Gemäss einer Statistik haben in den letzten 20 Jahren mehr Leute im Westen an Wohlstand verloren als im Osten, wo sogar mehr Leute an Wohlstand gewonnen haben. Doch die Fehler, die bei der Wiedervereinigung begangen wurden, bezeichnet Daniel Dahn als irreparabel.

Informationen zu Daniela Dahn im Internet: http://www.danieladahn.de/

Daniela Dahn über sich und übers Kritisieren:
„Kritisieren heisst: sich verantwortlich fühlen. Gerade wenn wir bereit sind, die permanente Unzulänglichkeit als den Zustand anzunehmen, der uns gegeben ist, sollten wir nicht so tun, als wäre das nichts. Denn was uns überantwortet wurde, markiert unsere Zuständigkeit. Kein geringes Gut. Keine geringe Last. Nur kann man sie nicht einfach ausschlagen wie eine ungeliebte Erbschaft. Wer nie versucht hat, sich einzumischen, soll nicht behaupten, es ginge nicht.“

 

Synopsis zum Buch „Wehe dem Sieger – ohne Osten kein Westen“ (Rowohlt-Verlag, 2009):

Vom Verlierer nicht lernen heißt verlieren lernen!
Warum konnte der Sieger nach dem Mauerfall mit seinem Sieg nichts anfangen? Der Abstieg des Westens begann vielmehr just im Moment seines größten Triumphes. Für die simple Einsicht, dass der Markt es nicht richtet, hat er zu lange gebraucht. Womöglich fehlte ihm das Korrektiv sozialistischer Ideen? Und die beiden Systeme waren nicht autonom, sondern hingen an einer Nabelschnur. Es gibt ein positives Erbe der DDR und der alten Bundesrepublik. Beides ist schon beinahe verspielt.
Und deshalb lautet der überraschende Befund: Mehr noch als der Osten ist der Westen zum Verlierer der Einheit geworden. Ohne Systemkonkurrenz hat er seinen Halt verloren. Werte und Ziele wie Wohlstand für alle, mehr bürgerliche Freiheiten, soziales Wirtschaften und eine intellektuelle Kultur, die auf Meinungsvielfalt setzt – sie schwinden dahin.
Im Buch wird aber nicht nur die Verlustgeschichte von Vereinigung und Krise erzählt, sondern auch die ungenutzten Chancen freigelegt. Damit die Krise nicht auch die Demokratie in den freien Fall zieht, muss der Kapitalismus aufhören, er selbst zu sein.

"Es war klar, dass der

"Es war klar, dass der Realsozialismus an mangelnder Demokratie zugrunde
ging, denn dieser Mangel behinderte die kreativen Ideen der Leute und
die Modernisierung (wie z.B. Benutzung von Computern zum Schreiben und
Verbreiten von Texten, etc.)."

 

Das da oben blendet aus dass es eine eigene Währung im eigenen osteurop. Wirtschaftssystem gab und dazu ein West-Embargo für Technologie. Ergo ging es erstmal nicht um Kreativität... wie alles zum Vervielfältigen eh subversiv war.

Ansonsten bieten sich Themen wie Schienenverkehr und Schulsystem gerade
zu an zum Differenzieren, sind Unternehmen wie Post und Bahn im Westen ja
auch erst nach Mauerfall privatisiert worden mit allen negativen Erscheinungen.

Genannte Demo fand am 04. November statt!

Niemand hat Meinungsfreiheit geschenkt bekommen, weder von der SED und gleich gar nicht vom Westen!

 

 

 


 


 


 


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